Projektprodukt: „Welche Folgen hat der Fleischverzicht“ (Nesma)

Artikel als formatierte PDF: Selbstversuch zum Fleischverzicht Nesma

Im Rahmen unseres Projekts ,,Postwachstum’’ an der Stadtteilschule Bahrenfeld im Schuljahr 2013/2014 im Fach PGW (Politik-Gesellschaft- Wirtschaft) habe ich einen Selbstversuch zum Fleischverzicht durchgeführt.

Dabei habe ich mich an der Frage orientiert: Welche Folgen hat der Fleischverzicht auf mich? Während dessen haben sich noch mehr Fragen gestellt, wie z. B. Wie lange kann ich auf Fleisch verzichten? Inwieweit spielen unsere gesellschaftlichen Normen bei diesem Thema eine Rolle? Wie würde meine Familie, in der so ein Selbstversuch noch nie durchgeführt wurde bzw. die dieses Thema zu Hause noch nie besprochen hat, darauf reagieren? Wäre ich bereit, für das Wohl der Tiere weniger Fleisch zu konsumieren? Wodurch könnte ich meine Ernährungspyramide ergänzen, wenn da Fleisch fehlen würde?

Auf Fleisch an einem Tag zu verzichten war für mich etwas Unvorstellbares. Ihr fragt euch bestimmt, warum ich diesen Versuch trotzdem gemacht habe und vor allem wie ich es ohne Fleisch ausgehalten habe.

 

Im Folgenden werde ich über alles berichten: Zu unserem Projekt wurde von der Lehrkraft ein Blog errichtet (https://mehristweniger.wordpress.com/). Auf dem Blog war das Video ,,Was passiert bei Fleischverzicht?“ zu sehen (https://mehristweniger.wordpress.com/2014/04/28/was-passiert-bei- fleischverzicht-3sat/ ). Dies ist ein Aufklärungsvideo, welches zeigt, welche Folgen entstehen könnten, wenn die Menschen ihren Fleischkonsum um 80% verringern würden. Während alle, die dieses Video kommentiert haben, der Meinung waren, dass man sein Fleischkonsum reduzieren sollte, war ich die einzige, die sich dagegen ausgesprochen hat. Das hat mich zum Nachdenken angeregt. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben gefragt, warum mir das Thema ,,Fleischverzicht“ noch nie in den Sinn kam!. Deswegen wollte ich mich innerhalb von diesem Projekt damit intensiv beschäftigen. Um die beste Antwort auf diese Frage herausarbeiten zu können, wollte ich einen Selbstversuch zum Fleischverzicht unternemmen. Zudem habe ich das Essen meiner Familie sowie mein Essen dokumentiert und in einer PDF-Datei zusammengestellt.

Nesma Bilder vom Essen während des Selbstversuchs

Wie ich es auch in einem meiner Kommentare erwähnt habe, spielt dabei der kulturelle Hintergrund eine sehr wichtige Rolle. Denn als meine Familie von meinem Versuch zum Fleischverzicht erfahren hat, musste ich mir so einiges anhören wie z. B. ,,Hahahhaha das schaffst du niemals, du isst doch jeden Tag ne Menge Fleisch!“ oder ,,Was für ein Schwachsinn? Wozu das denn alles!“. Ein weiterer Kommentar war: ,,Pfuuu, auf einmal haben wir ein Mitglied aus der Tierschutzorganisation bei uns zu Hause“…usw. Die Kommentare haben jedoch bis zum letzten Tag meines Versuchs nicht aufgehört… leider!

Trotz all dieser Kommentare und Reaktionen meiner lieben Familie wollte ich mit meinem Abendteuer weitermachen. Um eine Abneigung gegen das Fleisch zu hegen, musste ich zahlreiche Videos und Artikel anschauen und lesen, die negative Aspekte darüber aufwerfen. Zum Beispiel auf der Webseite von PETA, eine der weltweit größten Tierrechtsorganisation. ,,PETA Deutschland e.V. ist der Ansicht, dass die Grundrechte von Tieren berücksichtigt werden müssen, egal, ob die Tiere für den Menschen von Nutzen sind. Genau wie wir, können sie leiden und haben ein Interesse daran, ihr eigenes Leben zu leben. Daher steht es den Menschen nicht zu, sie für Ernährung, Kleidung, Experimente oder aus irgendeinem anderen Grund zu benutzen. PETA arbeitet intensiv daran, um die Öffentlichkeit über Tiermissbrauch zu informieren und Druck auf die Verantwortlichen aus Wirtschaft und Politik auszuüben.“ http://www.peta.de/skandalchronik Und unter: http://german.china.org.cn/china/2013-01/17/content_27716301.htm. Am tiefsten haben mich jedoch die Videos ,,Wenn Schlachthäuser Wände aus Glas hätten…“ http://www.peta.de/veggie und ,,Der Wiesenhof-Skandal“ http://www.peta.de/wiesenhof2010 berüht, welche meiner Meinung nach von jedem gesehen werden müssten.

Freitag, den 16.05.2014: Aufgrund der Krankheit meiner Mutter musste ich kochen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich selbstständig Fleisch gekocht habe. Ich habe alles mit meinen Augen gesehen: Das Blut, das Fett, der Geruch, war so furchtbar. Ich habe mich an das Video erinnert: http://www.peta.de/wiesenhof2010. Ich musste mich übergeben. Ich habe mich genauso wie ein verdorbenes Fleischstück gefühlt. Ich musste an diesem Tag drei Mal duschen. Ich habe Parfüm überall versprüht. Besonders in meinem Zimmer, welches eigentlich sehr weit entfernt von der Küche ist. Ich konnte den Geruch des Fleisches gar nicht mehr aushalten. Zum Glück haben wir eine andere Wohnung, wo ich die Nacht verbringen durfte. Meine Geschwister denken, dass ich übertrieben habe, aber das war wirklich die Wahrheit. Ich finde es sehr beschämend, dass wir so aufgewachsen sind. Ohne jegliches Mitgeflühl zu den Tieren, die wegen uns geschlachtet werden müssen. Und ich meine an dieser Stelle mit ,,WIR“ nicht nur mich und meine Familie, sondern jede Person auf dieser Welt, die es hier meiner Meinung nach verdient hat, als egoistisch bezeichnet zu werden. Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich nie von den sogenannten ,,Vegetarier“ gehört. Es gilt in den arabischen Ländern –soweit ich weiß-, dass Tiere nur für uns leben und dass wir entscheiden dürfen, wann sie auf unseren Tellern liegen sollten. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass ich jemals Fleisch von einem gequälten Tier gegessen habe!. Ich dachte, in den islamischen Ländern dürfen Tiere gar nicht gequält werden. Mein Vater erzählt mir, dass es aber leider immer wieder solche kranke Leute gibt, die den Drang verspüren, die Tiere zu quälen. ,,Es war mir sehr bewusst, dass es sowas gibt, deswegen habe ich immer sehr viel für unseren eigenen Bauernhof ausgegeben“ sagte Papa. Ich fragte ihn weiter: ,,Warum hast du uns nie darüber aufgeklärt. Ich dachte immer, dass wir die Kühe, Ziegen, Schafe, Hühner, Kaninchen und Enten auf unserem Bauernhof nur so zum Spaß in unserer Freizeit und teilweise als Luxus haben.“ Er antwortete darauf: ,,Du weißt doch, wie schlimm es da ist, wenn jemand irgendetwas gegen die Regierung sagen würde. Die Regierung will, dass die Menschen unaufgeklärt bleiben. Sonst hätte die Regierung so ein Thema an den Schulen unterrichten lassen, damit die Schüler darüber diskutieren und nachdenken können.“ Ich sagte ihm: ,,Papa, weißt du was, jeden Tag wirklich jeden Tag freue ich mich mehr, dass wir jetzt in Deutschland sind. Also in einem Land, wo man sich seines eigenen Verstandes bedienen darf. Hier habe ich das Gefühl, dass meine Gedanken was Wert sind.“ ,,liebes Kind, ich habe euch deswegen hierher gebracht, dass freut mich so sehr von dir zu hören, dass meine Hoffnung hier langsam verwirklicht wird“.

Heute, 17.05.2014, wird alles schwieriger: Die ekligen Erregungen sind vorbei. Es ist Nachmittag und das Essen riecht so lecker! So geil! So ein Geruch kann ich nicht aushalten. Meine Mutter glaubt, dass das alles von gestern nur ein Schauspiel war. Sie sagte zu mir: ,,Kochen willst du nicht, essen aber doch!“. Die Gedanken tanzen in meinem Kopf. Ich will es unbedingt ausprobieren. Das ist mein Lieblingsessen. ,,Aber halt Nesma! Das ist ein Versuch. Du musst weitermachen können. Das wird bewertet! Oder lies dir noch mal den Artikel durch und guck dir die Videos an!“. Ich bin dann spazieren gegangen bis sie mit dem Essen fertig waren. So konnte ich mich überwinden, den Versuch abzubrechen.

18.05.2014: Der 3. Tag! Es wird in der Küche gekocht. Alle warten auf das Essen und freuen sich darauf. Ich gehe und koche mir was Vegetarisches. Als der Esstisch vorbereitet war, sah er so attraktiv aus. Egal, ich muss nicht warten bis mein Versuch zu Ende ist. Ich habe mich an den Tisch gesetzt und habe angefangen zu essen. Alle haben mich angeguckt und ausgelacht: ,,Hahahhaa,, unser Elefant konnte es doch nicht mehr aushalten ohne Fleisch!“ ,,Nimmt das auf, wir zeigen es ihrer Klasse hahahaha“. Ich meinte:,, Ich hab es verdient, heute Fleisch zu essen. Ich konnte zwei Tage lang darauf verzichten“. Aber nach einigen Minuten konnte ich nicht mehr! Ich habe mich an den Artikel erinnert, den ich zum Abschrecken vom Fleisch gelesen habe. Ich kann jetzt nicht mehr. Meine Familie denkt wirklich, dass das ein Schauspiel wäre, weil das nicht üblich ist, dass ich kein Appetit habe. Sie merkten das erst als ich in mein Zimmer gegangen bin und weiter für die Theaterklausur gelernt habe.

19.05.2014: Ich dachte, es wäre vorbei mit dem Versuch, denn es waren schon zwei Tage, wo ich auf Fleisch verzichtet habe. Jedoch meinte unser Lehrer heute, dass die Selbstversuche innerhalb unseres Projekts mindestens zwei Wochen dauern sollten.

Es ging dann bis zum 26.05.2014 auf der gleichen Art und Weise weiter. Ich musste jeden Tag neue ,,Strategien“ entwickeln, um mit dem Versuch weitermachen zu können. Es fiel mir jeden Tag schwerer als der Tag davor. Ich kann mich daran nicht gewöhnen, kein Fleisch zu essen. Bis heute sind 11 Tage seit Beginn des Versuchs vorbei. Das schaffe ich hoffentlich noch.

Von dem 27.05.2014 bis zum 04.06.2014 war ich stark erkältet und hatte Fieber. Zum Glück!. Somit hatte ich kein Appetit und konnte nur Suppe, Salat und Brühe essen.

06.06.2014: Keiner kann es mir verbieten, an meinem Geburtstag mein Lieblingsgericht zu essen. Die Familie hatte ein gemeinsames Abendessen in einem palästinensischen Restraurant geplant und das Mansaaf durfte da nicht fehlen!. Mansaaf ist ein traditionelles palästinensisches Gericht, welches bei Familienfeiern auf den Tisch kommt: Lammfilet gefüllt mit Rosmarin und Pistazien und einer Schafskäsesauce mit frischem Thymian. Es waren auch schon 20 Tage, an denen ich auf das Fleisch verzichtet habe. Somit ist der Versuch endlich mal vorbei.

Nachdem ich mich bei meinem Vater informiert habe, sollte ich in diesen 20 Tagen 3 kg Fleisch und 2 kg Hähnchenbrüste gespart haben. Das sind (3kg*11€=33€) + (2kg*6€=12€). Das heißt, dass die Familie durch meinen Versuch zum Fleischverzicht 45€ gespart hat.

Ich kann nun ehrlich sagen, dass dieser Versuch ein Wendepunkt in meinem Leben darstellt. So hat sich durch diesen Versuch eine komplett andere und neue Art des Denkens bei mir entwickelt. Denn für mich galt, dass Tiere nur für uns existieren und dass wir entscheiden dürfen, wann sie auf unserem Teller kommen sollen. Aber jetzt ist es mir noch bewusster geworden, dass es hier vielmehr um ein Lebewesen geht, welches wegen mir sterben muss: NUR damit ich mein Essen genieße!. Ich wusste nicht, dass ich mein Leben lang so – ich will es nicht sagen aber ich muss es allen mitteilen- dass ich egoistisch gedacht und gehandelt habe. Dies gilt in meiner Familie leider als absoluter Blödsinn. Ich habe meinen Freunden in Dubai von meinem Versuch erzählt und sie waren genau der gleichen Meinung wie meine Familie. Ich kann sie aber ziemlich gut verstehen, weil man da eigentlich gar nicht von den ,,Vegetariern“ im Westen mitbekommt. Ich habe das Gefühl, dass ich nun die Verantwortung trage, sie darüber aufzuklären!. Ich genieße zwar jetzt mein Fleisch wieder, jedoch habe ich vor, mein Fleischkosum langsam zu reduzieren. Denn durch meine Recherchen während des Versuchs habe ich festgestellt, dass jeder, der Fleisch isst, sich darüber im Klaren sein muss, dass er durch sein Konsumverhalten diese tierquälerische Massentierhaltung unterstützt.

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3 Kommentare zu “Projektprodukt: „Welche Folgen hat der Fleischverzicht“ (Nesma)”

  1. Ein toller Beitrag! So ein Versuch lässt einen wirklich merken, wie viel Fleisch man eigentlich ist..und das man sich das nicht so einfach abgewöhnen kann..umso schöner, dass du den Versuch bis zum Ende ausgehalten und sogar davon profitiert hast! 🙂

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